Freelancer und Freiberufler in der IT: Fragen und Mythen geklärt

(Last Updated On: 8. September 2017)

Wie beginnt man als Freelancer?

Es mag sich sehr großmütterlich anhören, aber das erste was man als Freelancer braucht sind zwei Dinge:
– Erfahrung. Offensichtlich kann man als Freelancer nur erfolgreich sein, wenn man entsprechend Erfahrung und wertvolles Know How in seinem Fachgebiet vorweisen – und damit meine ich wirklich vorweisen – kann. Sie brauchen entsprechende Referenzprojekte, Success Storys und Zertifizierungen, um sich auf dem Projektmarkt behaupten zu können.
– Spar-Rücklagen. Als Faustregel gilt, dass Sie ein gesamtes Jahresgehalt Ihres aktuellen Angestelltenverhältnisses auf der Seite haben sollten, um entsprechende Rücklagen für das erste Jahr zu haben. Hierbei gehen wir davon aus, dass Sie ihr Jahresgehalt zu einem Großteil, also mindestens zu 80%, wirklich aufbrauchen, und nicht etwa 50% davon auf die Seite legen. Trifft dies jedoch auf Sie zu, kommen Sie mitunter auch mit einem halben Jahresgehalt aus. Die Spar-Rücklagen müssen dabei nicht zu 100% in barem Geld vorhanden sein. Real Estate Investments wie etwa eine Eigentumswohnung, die man entweder selbst bewohnt oder vermietet, spielen ebenfalls hinein und generieren in der Regel einen finanziellen Benefit, den man real mit einem Geldwert bewerten kann.

Außerdem lohnt es sich, den Schritt zum Freelancer-Dasein schrittweise durchzuführen. Starten Sie zunächst als Betreiber eines Nebengewerbes und beginnen langsam, Ihr Unternehmen aufzubauen. Selbstverständlich müssen Sie dabei, sofern Sie aktuell in einem Arbeitsverhältnis sind, Ihren Arbeitgeber von dieser Nebentätigkeit informieren.
Was Sie außerdem heutzutage verstehen müssen ist, dass ein Unternehmen heutzutage von seinen digitalen Assets lebt. Das sind de fakto Dinge, die Sie online direkt vertreiben können und die den Wert Ihres Unternehmens, in unserem Falle den Wert Ihrer Person als Freelancer, steigern. Das sind zum einen Online-Präsenzen, zum anderen Success Storys, Inhalte, Follow und Referenzkunden, die den Wert Ihrer Online-Präsenz steigern. Wenn Sie online relevant sind, bekommen Sie auch Projekte.

Wie viel berechne ich pro Stunde?

Freiberufliche Freelancer sind hier im Einstieg häufig zuvorkommend. „Wenn ich mir überlege, wie viel mehr ich verdiene, wenn ich nur einen geringen Betrag pro Stunde verlange, verdiene ich schon wesentlich mehr im Vergleich zum Angestelltenverhältnis.“ Das ist zwar grundsätzlich richtig. Auch bei einem niedrigen Stundensatz von sagen wir einmal 50 € pro Stunde verdienen viele Berater schon mehr als der Durchschnitts-Angestellte in der Branche.

Jedoch vergessen Neulinge in der Selbständigkeit den höheren Risikofaktor. Bevor Sie einen passenden Stundensatz heraus finden, konfrontieren Sie sich zunächst mit den folgenden Themen:

  • Auslastung. Als Freelancer können Sie im Vergleich zum Angestelltenverhältnis nicht fest damit rechnen, dass Sie das ganze Jahr über ausgelastet sind. Häufig werden Projekte zu bestimmten saisonalen Zeitpunkten gesucht und haben danach eine lange Lebenszeit. Zwischen den saisonalen Amplituden werden zwar weiterhin immer wieder mal Projektgesuche in die entsprechenden Portale eingestellt, diese sind jedoch auch entsprechend stark umkämpft. Sofern Sie dafür niemanden eingestellt haben, müssen Sie sich als Freelancer auch selbst um Ihren eigenen Vertrieb kümmern. Es kann sein, dass Sie nach einem halbjährigen Projekt eine Regenerationspause einlegen müssen, in welcher Sie aktiv neue Projekte pitchen müssen. Dazu müssen Sie Kontakte mit Kunden knüpfen, Workshops durchführen, an Verhandlungen teilnehmen und dadurch letztendlich Projektausschreibungen gewinnen. Nebenbei sollen Sie auch noch Ihr Profil aufwerten, indem Sie beispielsweise auf Business-Netwerken, Events und Social Media präsent sind.
  • Weiterbildung. Als Freelancer sind Sie selbst für Ihre Weiterbildung verantwortlich. Ihr Know-How ist ihr größtes Verkaufsmerkmal. Daher müssen Sie dieses auch pflegen. Auch wenn Sie Weiterbildungskosten absetzen können, sind die Kosten für Weiterbildungen im IT-Bereich letzten Endes doch nicht zu vernachlässigen. Und nicht zu vergessen: In dieser Zeit fakturieren Sie auch keine Tagessätze bei einem Kunden, da Sie keine Projekte annehmen können.
  • Krankheit. Da Sie als Freelancer keine Auffanghilfen wie beispielsweise Krankentagegeld haben (oder diese entsprechend zusätzlich in Ihrer privaten Krankenkasse bezahlen), müssen Sie für diesen Fall gewappnet sein. Krankheit bedeutet für Sie als Freelancer ein leeres Einkommen, während Ihre Kosten hingegen steigen.
  • Urlaubstage. Im Gegensatz zum Angestellten ist jeder Tag Urlaub, den Sie sich persönlich gönnen, zu 100% unbezahlt. Das heißt zusätzlich zu den erhöhten Unterbringungs- und Reisekosten müssen Sie zusätzlich den Ausfall an Cashflow einkalkulieren, den Sie während dieser Zeit de fakto nicht verdienen können (es sei denn, Sie haben das Glück und die Motivation und arbeiten Remote, vielleicht sogar als digitaler Nomade).
  • Risiko. Als Freelancer haben Sie grundsätzlich ein höheres Risiko, gegen welches Sie sich besonders absichern müssen. So ist es beispielsweise als Freelancer empfehlenswert, entsprechende Berufs-Haftpflicht-Versicherungen oder Rechtsschutzversicherungen abzuschließen, um im Fall der Fälle finanziell abgesichert zu sein. Zudem haben Sie natürlich das Risiko, dass Sie nun mehr selbst für Ihre Auftragslage zuständig sind und es auch mal sein kann, dass Sie eine Weile auf dem Trockenen sitzen.
  • Kosten. Neben den bereits erläuterten Kosten für die Weiterbildung tragen Sie auch als Freelancer zahlreiche Kosten selbst, die Sie als Angestellter nicht hätten, beispielsweise Aufbau und Instandhaltung eines Büros, Software-Lizenzen, Reisekosten zum Kunden, Übernachtungskosten, erhöhte Verpflegungssätze usw. Diese Kosten müssen Sie in die Berechnung Ihrer Stundensätze mit einkalkulieren. Die Tatsache, dass viele Projekte ein All-in-Stundensatz verlangen und daher die dedizierter Ausweisung dieser Zusatzkosten nicht möglich ist, macht die Wahl eines geringen Stundensatzes nicht einfacher.

Wenn Sie all diese Kosten zusammen nehmen, kommen Sie mit ein wenig Rechenarbeit gleich selbst schnell zu dem Schluss, dass Sie zur Abdeckung Ihres Risikos und des gestiegenen Bedarfes in der Weiterbildung und Versicherung aufhören müssen zu denken, wie ein Angestellter. Die Faustregel lautet: Für Ihr monatliches Bruttozielgehalt sollten Sie das 1,5-fachge eines Angestellten pro Stunde verdienen, um das Risiko entsprechend abzudecken.

Wie viel kann ich denn stündlich fakturieren?

Zunächst einmal: in den meisten Fällen mehr, als Sie denken. Denn gegenüber einem Unternehmen als Kunden bietet die Einstellung eines Freelancers diverse Vorteile. Die Vorteile im Vergleich zu einem Festangestellten.

  • Der Auftraggeber ist mit Ihnen als Honorarkraft sehr flexibel in Ihrer Auslastung. Er zahlt Sie nur dann, wenn er Ihre Arbeitskraft bestellt, und das macht er in der Regel nur dann, wenn die Auftragslage dies her gibt. Sinkt das Transaktionsvolumen in seinen Büchern, verweigert er Ihnen einfach eine Verlängerung Ihres Vertrags. Bei einem Arbeitnehmer hingegen muss er sich an wesentlich strengere Auflagen halten, und muss somit bisweilen Mitarbeiter bezahlen, obwohl er sein Kapital aktuell lieber ungebunden anderweitig investieren würde. Mit Ihnen als freien Mitarbeiter ist das möglich. Wenn Sie als Freelancer außerdem bestimmte Rollen einnehmen, etwa die Rolle des betrieblichen Datenschutzbeauftragten, dann genießen Sie als freier Mitarbeiter nicht die selben Sonderrechte wie ein Festangestellter. Dieser würde in diesem Fall dann in der Regel von einem verbesserten Kündigungsschutz profitieren. Außerdem kann der Unternehmer mit Ihnen professionelle Engpässe flexibel überwinden, etwa wenn Mitarbeiter in Schlüsselpositionen unerwartet kündigen.
  • Sie als freier Mitarbeiter haben ein ganz anderes Interesse am Erfolg des Projektes. Für Sie ist jedes erfolgreiche Projekt eine Success Story, die Sie in Form eines Referenzkunden oder einer Arbeitsprobe für Ihren eigenen Vertrieb einsetzen können. Für einen Mitarbeiter ist ein sehr anspruchsvolles und kompliziertes Projekt nicht immer, aber immer häufiger, eine Bürde, mit der er aktuell umgehen muss. Freie Mitarbeiter werden auch seltener krank (wobei die Quellen, die ich hierzu gefunden habe, nicht wirklich repräsentativ sind).

Zudem sollten Sie im Hinterkopf behalten:

  • Der Auftraggeber vergibt meist Positionen an externe Mitarbeiter, die einen hohen Return on Investment liefern. Ein Unternehmer versteht das Konzept von Return on Investment ganz anders als ein Privatmann oder Kleinunternehmer. Während für einen Privatmann etwa eine Computer-Reparatur vom Fachangestellten im zweistelligen Bereich eine lästige Notwendigkeit ist, ist einem Unternehmer die Beseitigung von Malware in seinem Unternehmensnetzwerk gut und gerne einen fünfstelligen Betrag wert. Je wichtiger die eigene Tätigkeit für den Auftraggeber ist, desto höher ist auch der Stundensatz, den er zu zahlen bereit ist. Deswegen sind IT-Consultants, die betriebswirtschaftlich  bedienen oder etwa für die Informationssicherheit zuständig sind, auch wirklich gut bezahlt, da die hinter diesen Positionen befindliche Tätigkeit einen hohen ROI inne hat. Aus genau diesem Grund hat ein Unternehmer auch ein ganz anderes Preisurteil als ein Privatmann oder Kleinunternehmer und gibt gerne auch mal einen vierstelligen Betrag für eine Website oder einen fünfstelligen Betrag für einen IT Security Audit aus.
  • Der aller wichtigste Punkt ist: Es gibt keinen Grund, warum Sie sich unter Wert verkaufen sollten. Schließlich haben Sie das von Ihnen in der Praxis ausgeübte Wissen durch harte Arbeit und jahrelange Erfahrung aufgebaut. Dieses Know How ist bares Geld wert und sollte sich als Investition über die Jahre vervielfachen. Vervielfacht sich Ihr Know How, sollte das gleiche auch mit Ihren Stundensätzen passieren. Also schämen Sie sich nicht für Ihre Vorstellungen, sondern seien Sie stolz darauf.

Ein Leben als Angestellter ist sicher

Dies ist meiner Ansicht nach ein Mythos, vor allen Dingen dann, wenn Sie gerade als angestellter Berater in einer Unternehmensberatung arbeiten. In den großen Beratungsunternehmen fliegt jedes Jahr durchschnittlich einer von fünf Mitarbeitern. Und auch als IT-Angestellter, beispielsweise in der Security, müssen Sie damit rechnen, dass Ihr Posten irgendwann einmal an externe vergeben werden kann, wenn es sich entsprechend für das Unternehmen rentiert. Das heißt für Sie entweder, Sie müssen mit Ihren Erwartungen bezüglich Urlaubstage und Arbeitsentgelt niedriger ansetzen als ein Freelancer (was de fakto heißt, dass sich Ihr jetziges Gehalt nie um einen Faktor > 1,5 erhöhen darf), oder Sie laufen Gefahr, von einem Freelancer ersetzt zu werden.
Sie haben als Angestellter diverse Schutzrechte, wie beispielsweise Kündigungsfristen, und ein festes Gehalt. Doch die meisten Schutzmechanismen decken Sie nur für einen relativ kurzen Zeitraum, meist gewinnen Sie dadurch im Zweifelsfall Zeit im Rahmen von 3-12 Monaten. Nach diesen Zeiträumen sind sie genau so der aktuellen Wirtschafts- und Auftragslage des Unternehmens, der Launen Ihres Auftraggebers usw. ausgeliefert, wie ein Freelancer.
Zudem müssen Sie sich vergegenwärtigen, dass ein Freelancer im Zweifelsfall ebenfalls wieder in ein Angestelltenverhältnis zurückkehren kann. Hierbei wird dem ehemalig selbständigen seine Selbständigkeit im Bewerbungsgespräch sogar positiv angerechnet. Die spontane Aussage zu treffen, ein Angestelltenverhältnis sei sicherer als die Selbständigkeit, ist – zumindest im langfristigen Horizont betrachtet – nicht wahr.

Thema Scheinselbständigkeit

Eine Scheinselbständigkeit wird in der Regel erst mal offiziell festgestellt, und zwar von der Deutschen Rentenversicherung. Eine solche liegt vor, wenn der Auftragnehmer so fest in die Organisation des Kunden integriert ist und von diesem Weisungen erhält. Was sind Weisungen? Weisungen sind Vorschriften,

  • wie
  • wann
  • wo
  • und womit

die vom Kunden geforderten Leistungen zu erbringen sind. Des Weiteren sollten die vom Freelancer erbrachten Leistungen nicht typischerweise von Festangestellten des Kunden erbracht werden

Kriterien wie beispielsweise die Anzahl der Auftraggeber des Selbständigen oder der Anteil des Auftraggebers am Gesamtumsatz des Auftragnehmers spielen hierbei keine Rolle mehr. Viel mehr wird jedes einzelne Auftragsverhältnis darauf hin untersucht, ob die beiden oben genannten Kriterien vorliegen. Sie können also in einem Auftragsverhältnis scheinselbständig und in einem anderen Auftragsverhältnis selbständig sein. Des Weiteren sollten Sie aufgrund der Vorschriften zur Arbeitnehmerüberlassung nicht länger als 18 Monate Vollzeit am Stück beim Auftraggeber beschäftigt sein. Danach müssen Sie für mindestens 3 Monate bei diesem Kunden unbeauftragt bleiben. Doch eine Scheinselbständigkeit kann auch schon bei kurzfristigen Auftragsverhältnissen festgestellt werden. Entscheidend sind die Kriterien der Weisung

Was bedeutet es für Sie, wenn eine Scheinselbständigkeit bei Ihnen festgestellt wird? In diesem Fall wird der Vertragspartner des Freelancers dazu verpflichtet, für diesen die Sozialbeiträge für den Auftrag abzuführen. Die Argumentation dahinter ist, dass von dieser Scheinselbständigkeit eine finanzielle Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Bricht der Auftraggeber weg, kann es beispielsweise passieren, dass der freie Mitarbeiter ohne Einkommen da steht, was längerfristig dazu führt, dass er am staatlichen Geldbeutel nagt oder seine Kranken- und Pflegevorsorge darunter leidet. Dieses Risiko muss entsprechend vom Auftraggeber durch Sozialabgaben finanziell abgedeckt werden, daher das Thema Scheinselbständigkeit.

Freilich ist es weder für Sie, noch für Ihren Auftraggeber sinnvoll, wenn für Sie auf einmal zwanghaft Sozialversicherungsabgaben abgetreten werden müssen. Denn für den Auftraggeber sind dies Kosten, die er zwangsläufig auf Sie abwälzen wird. Sie hingegen würden die gebundenen liquiden Mittel lieber wo anders investieren, beispielsweise in eine private Vorsorgemaßnahme für jeweils Kranken- und Pflegebedürftigkeit, Altersvorsorge und Arbeitslosigkeit.

Sie können die Scheinselbständigkeit nicht durch eine bloße Vertragsklausel umgehen. Wenn Sie das Thema Scheinselbständigkeit umgehen wollen, müssen Sie ein  entsprechendes Arbeitsumfeld haben, in welchem Sie in Ihrer Auftragserfüllung weitgehend eigenständig handeln und von der Organisation des Unternehmens losgelöst sind.

Die Bedrohung durch die Arbeitnehmerüberlassung

Wenn Sie vor dem Gedanken stehen, sich als Freiberufler selbständig zu machen, fühlen Sie sich vielleicht durch die Präsenz der Arbeitnehmerüberlassung bedroht. Was ist zunächst einmal Arbeitnehmerüberlassung? Die Arbeitnehmerüberlassung ist ein Vertragsverhältnis zwischen dem Lieferanten (von Dienstleistungen) und seinem Kunden. Während die Mitarbeiter des Lieferanten weiterhin bei diesem angestellt sind, werden Sie während der Zeit der Arbeitnehmerüberlassung in die Organisation des Kunden integriert und sind dabei dem Kunden gegenüber weisungsgebunden, als wären sie bei diesem angestellt. Die Arbeitnehmerüberlassung ist für Freiberufler aus zwei Gründen eine Thematik

  • Unternehmen könnten, anstatt sich einen Freiberufler zu suchen, lieber ein Beratungsunternehmen anschreiben und deren Angestellte über die Arbeitnehmerüberlassung ins Projekt holen.
  • Freiberufler selbst können ebenfalls im Sinne der Arbeitnehmerüberlassung auf ein Projekt ongeboardet werden.

Fangen wir mit dem ersten Punkt an. Warum sollten Unternehmer lieber einen Festangestellten über die Arbeitnehmerüberlassung in ihr Projekt holen?
Der Vorteil der Arbeitnehmerüberlassung für den Unternehmer ist die, dass er die durch die AÜ angestellten „Zeitarbeiter“ in seine Organisation integrieren kann, ohne dass diese in die Scheinselbständigkeit fallen können.
Das heißt de fakto, der Lieferant ist weiterhin für die Sozialabgaben der Arbeitnehmer verantwortlich und nicht der Kunde. Ein weiterer Grund ist, dass der Kunde die Arbeitszeiten der über AÜ angestellten Mitarbeiter formal kontrollieren kann.
Ein häufiges Szenario, warum auf eine AÜ gedrängt wird, ist außerdem Folgendes: Kunde A hat einen Dienstleistungs- oder Werkleistungsvertrag mit IT-Dienstleister B, beispielsweise in Form von IT-Support oder Projektunterstützung. Kunde A will verhindern, dass IT-Dienstleister B bei einem Projekt, für welches IT-Dienstleister B kein eigenes Know-How im Hause hat, einfach einen Freelancer C anheuert. Kunde A will nämlich sicher gehen, dass a) IT-Dienstleiter B nur das anbietet, wo auch wirklich Know How im Hause ist und b) dass IT-Dienstleister B Freelancer C gegenüber weisungsbefugt ist. Deswegen verpflichten Kunden Ihre IT-Dienstleister häufig dazu, ausschließlich fest angestellte Mitarbeiter anzubieten. In der Praxis sieht es jedoch so aus, dass viele Unternehmen weiterhin Freelancer vorziehen. Grund ist beispielsweise der Gleichstellungsgrundsatz „Equal Pay“, der in der  Regel  nach 9 Monaten, in Ausnahmen nach 15 Monaten eintritt.. Demnach muss der Entleiher der Arbeitskraft, also der Lieferant, seinem Arbeitnehmer vergleichbare Arbeitsbedingungen  gewähren, wie einem vergleichbaren Stamm-Mitarbeiter im Unternehmen des Lieferanten. Dazu zählt auch das Arbeitsentgelt. Die Ermittlung eines vergleichbaren Gehalts ist gesetzlich genau geregelt und sehr kompliziert. Was ist etwa, wenn mehrere Stamm-Mitarbeiter mit unterschiedlichem Gehalt angestellt sind usw.? Doch in der Praxis bedeutet es häufig für den Kunden, dass er von der AÜG keine finanziellen Vorteile mehr zu erwarten hat. Deswegen findet die AÜG heutzutage nur noch bei Betrieben Anwendung, bei denen der Wunsch nach der Ausübung von Kontrolle die Überhand hat. Und das sind Kunden, die Sie als Freelancer in der Regel ohnehin meiden wollen.
Stattdessen stellen Unternehmer AÜG-Verträge immer mehr auf Dienst-Verträge nach §611 BGB oder Werk-Verträge nach §631 BGB um. Und hier stehen Sie als Freelancer wieder besser dar. In der Regel können Sie nämlich

  • Ihre volle Konzentration auf den Kunden und sein Projekt legen. Festangestellte haben häufig mehrere Kunden gleichzeitig
  • länger arbeiten, wenn es mal notwendig wird, da Sie nicht unter die entsprechenden Arbeitnehmergesetzesregelungen fallen bzw. keine Probleme mit der Berufsgenossenschaft bekommen.
  • einen günstigeren Preis bieten, weil sie nur sich selbst finanzieren müssen und daher keinen entsprechend großen Overhead mitbringen
    Sie bedienen auch einen ganz anderen Projekt-Markt als die Angestellten von It-Dienstleistern und Beratungsunternehmen. Denn Letztere befinden häufig Projekte, in welchem die Manpower von mehreren Angestellten des gleichen Lieferanten notwendig ist. Für einige Positionen, wie etwa einen einzelnen IT Security Auditor oder Testmanager, ist dieser Overhead jedoch unbezahlbar.
  • Desweiteren zeigt dies auch der Trend. Wenn Sie sich auf den gängigen Projektausschreibungs-Portalen umsehen, wird der Großteil der Projekte immer noch für Freiberufler ausgeschrieben und nicht für AÜG-Verhältnisse.

Weiterhin hat die Umstellung der Vertragsverhältnisse auf Dienst- und Werkverträge einen weiteren Haken: wird nämlich im Laufe des Auftragsverhältnisses festgestellt, dass dieses doch eher als Arbeitnehmerüberlassung einzustufen ist, können sich Unternehmen nicht mehr durch die sogenannte Fallschirmregelung vor den Konsequenzen einer nicht von Anfang an vereinbarten AÜG bewahren. Dies hat zur Folge, dass zwangsweise zwischen dem Leiharbeiter und dem Kunden ein fiktive Angestelltenverhältnis entsteht. Somit muss der Kunde im Falle der Feststellung der Unwirksamkeit des werk- oder Dienstvertrages die volle Verantwortung für den Leiharbeiter übernehmen, als wäre diese fest angestellt. Dies ist ein weiterer Grund, warum der Auftraggeber im Zweifel lieber zu einem Freelancer statt zu einem Angestellten greift.

Kommen wir nun zum zweiten Punkt: Warum kann es Ihnen als Freelancer passieren, dass Sie darauf gedrängt werden, eine AÜG zu akzeptieren?

Der Vorteil der Arbeitnehmerüberlassung für den Unternehmer ist die, dass er die durch die AÜ angestellten „Zeitarbeiter“ in seine Organisation integrieren kann, ohne dass diese in die Scheinselbständigkeit fallen können. wenn wir ehrlich sind, ist bei den meisten externen Positionen, die zu besetzen sind, dies kein K.O.-Kriterium. Eine Weisungsgebundenheit ist im Rahmen eines IT-Projektes beispielsweise nicht wirklich erforderlich, schließlich haben Sie als Selbständiger ein ganz anderes Interesse am Erfolg des Projektes als ein Angestellter oder Zeitarbeiter. Das sehen auch Unternehmer gerne ein, denn wie bereits weiter oben erläutert können dem Unternehmer auch dann Konsequenzen treffen, wenn er mit einem Festangestellten einen Werk- oder Dienst-Vertrag vereinbart, da die Fallschirmlösung nicht mehr greift.

Es kommt also in der Regel nur noch dann vor, dass Sie zu einer AÜG gedrängt werden, wenn beispielsweise ein IT-Dienstleister keinen Festangestellten mit dem geforderten Know-How des Kunden hat und der Kunde aber Festangestellte fordert. Mit der AÜG werden Sie dann kurzfristig zum „festangestellten“ des IT-Dienstleisters und sind somit plötzlich vermittelbar.

Für Sie als Freelancer hat eine Arbeitnehmerüberlassung gravierende Folgen. Denn eine Arbeitnehmerüberlassung ist, wie der Name schon sagt, nur für festangestellte Arbeitnehmer möglich. In der Regel müssen Sie also, damit der Lieferant Sie im Rahmen einer AÜG vermitteln kann, zeitlich befristet Angestellter bei diesem werden. Dies hat für Sie zahlreiche Konsequenzen

– das Bruttogehalt, welches Sie von der Vermittlungsagentur bzw. vom Lieferanten gezahlt bekommen, wird unter Ihrem möglichen Honorar als Freelancer liegen. Denn der Lieferant bzw. die Vermittlungsagentur muss für Sie Sozialabgaben abführen und außerdem Rücklagen bilden für den Fall, dass Sie beispielsweise Krank werden und Krankentagegeld beziehen.
– Sie selbst müssen auf Ihr Bruttogehalt den Arbeitnehmerteil der Sozialabgaben abführen.
– Die Kosten für die Reisen, Unterbringung, den Erwerb und Einsatz von Betriebsmitteln, Erwerb und Reinigung von Arbeitskleidung usw. sind nicht mehr als Betriebsausgaben zu werten. Stattdessen müssen Sie diese Kosten als Werbungskosten in der Einkommensteuererklärung für Arbeitnehmer geltend machen. Dort sind die Regelungen wesentlich ungünstiger als bei Betriebsausgaben.
– Sie müssen sich an die Schutzregelungen für Arbeitnehmer halten. Dadurch wird es beispielsweise schwierig, länger als 10 Stunden zu arbeiten. Das tut in einer heißen Projektphase, etwa bei einem Go-Live, weh.
– Sie verlieren an Freiheit. Sie sind als fest Angestellter dem Lieferanten bzw. der Vermittlungsagentur weisungsgebunden. Somit sind beispielsweise Vorgaben im Hinblick auf den Arbeitsort, die Arbeitszeiten und deren Erfassung, den Unternehmens-Dresscode und das Beantragen von Urlaub bindend.
– Liegt Ihr Bruttogehalt unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze, verlieren Sie als Freiberufler die möglichkeit, sich privat krankenversichern zu lassen.
– Wenn Sie einmal in einer AÜG für einen Kunden gearbeitet haben, könnte ein Folgeprojekt bei diesem Kunden, in welchem Sie als Freelancer auftreten, als Scheinselbständigkeit interpretiert werden, da daraus möglicherweise zu erkennen ist, dass Sie ein Angestelltenverhältnis anstreben.

Mein Tipp an Sie ist daher: Lassen Sie im Zweifelsfall lieber die Finger von Projekten in Arbeitnehmerüberlassung

 

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